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Naturschutz - Zwischen den Gehegen

Eine neue Studie hat überraschendes zu Tage gebracht: im Zoo Basel lebt sehr hohe Artenvielfalt in den Flächen zwischen den Gehegen. Gemeint sind nicht die entwichenen Tiere, sondern die freilebenden Arten im Basler Zoo. In einer aussergewöhnlichen Pionierstudie erfassten Fachleute die Vielfalt der zwischen den Gehegen lebenden Tiere und Pflanzen. Die 3110 nachgewiesenen Kleintier- und Pflanzenarten bedeuten weltweit einen Rekord. In keinem Stadtpark oder Zoologischen Garten wurde bisher eine ähnlich hohe Vielfalt an wildlebenden Arten registriert.

Die Studie ‚Vielfalt zwischen den Gehegen’

Der Zoo Basel ist ein Begegnungsort von Menschen mit Tieren aus verschiedenen Ländern. Die Besucher erhalten Einblick in die faszinierenden Lebensweisen der Tiere und werden über die Bedrohung der Arten informiert. Mit den naturnah gestalteten Flächen, welche die einzelnen Anlagen von den Besuchern trennen, bietet der Zoo zudem vielfältige Lebensräume für wildlebende Kleintiere und Pflanzen an. Diese Organismen werden aber kaum wahrgenommen und deren Artenzahl war bisher weitgehend unbekannt. Um die Kenntnisse über das Vorkommen der eher unscheinbaren Tiere und Pflanzen im Basler Zoo zu verbessern, erfasste ein Team bestehend aus 48 Zoologen und Botanikern die Artenvielfalt der zwischen den Gehegen lebenden Organismen in einer drei Jahre dauernden Studie.

Das Ergebnis erstaunt selbst die Fachleute: 3110 Arten von freilebenden Pflanzen, Pilzen und Tieren, einschliesslich Insekten, Würmer, Schnecken, Spinnen, Asseln, Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren mit Fledermäusen, wurden zwischen den Gehegen im Zoo Basel gefunden. So wurden unter anderem 134 verschiedene Arten von Moosen, 91 Flechten-, 15 Regenwurm-, 45 Springschwanz-, rund 300 Käfer-, 147 Schmetterlings- und 96 Vogelarten im Zoogelände nachgewiesen. Die gesamte Artenvielfalt der Schweiz wird auf 70’000 Arten geschätzt. Nach dem momentanen Stand der Kenntnisse sind somit 6–8 % der in der Schweiz vorkommenden Arten allein im 11,6 ha grossen Areal des Basler Zoos zu finden. Ein Vergleich der vorgefundenen Artenvielfalt mit derjenigen anderer Stadtparks oder Zoologischer Gärten ist kaum möglich, aus dem einfachen Grunde, weil derartig umfassende Studien bisher in keinem Stadtpark durchgeführt worden sind. Entsprechende Angaben gibt es lediglich für Pflanzen und einzelne Tiergruppen. Die im Basler Zoo nachgewiesene Vielfalt an freilebenden Tieren wurde aber in keinem anderen Stadtpark auch nur annähernd erreicht.

Naturnahe Gartenpflege

Verschiedene Gründe dürften für die aussergewöhnlich reiche Artenvielfalt verantwortlich sein. Bei der Gründung im Jahre 1874 bestand ein Teil des heutigen Zoogeländes aus einem Auen-ähnlichen Wald. Durch schonende Gartenpflege konnten sich viele an Waldstrukturen angepasste Arten halten. Das Ufer des Birsigs ermöglicht weiterhin die Ein- und Auswanderung für gewisse Tierarten und die Böschung der Elsässerbahn stellt eine Verbindung zu offenen, trockenen Lebensräumen dar. Das kleinräumige Mosaik von verschiedenen Substraten, Strukturen und Lebensraumbedingungen erlaubt ein Nebeneinander von zahlreichen Arten auf kleinstem Raum. Auch der langjährige Verzicht auf Herbizide und Insektizide dürfte wesentlich zur hohen Artenvielfalt beitragen. Zudem wurden bei der Neu- und Umgestaltung von Anlagen immer wieder Pionierlebensräume geschaffen.

Seltene und gefährdete Arten

Von den insgesamt 3110 im Zoo Basel festgestellten Arten wurden 31 Arten zum ersten Mal in der Schweiz gefunden. Bei diesen Erstnachweisen handelt es sich hauptsächlich um Vertreter von bisher in der Schweiz unzureichend bearbeiteten Gruppen (Springschwänze, Blattläuse, Zikaden). Interessanterweise beherbergt der Zoo auch zahlreiche gefährdete Tiere zwischen den Gehegen: 113 der freilebenden Arten sind in einer der nationalen Roten Listen aufgeführt. Dies weist auf den hohen Naturschutzwert des Gartens hin. Unbeabsichtigte Einschleppungen von Pflanzenparasiten (Pilze und Insekten) mit exotischen Zierpflanzen konnten hingegen nur in drei Fällen dokumentiert werden.

Mangel an Fachleuten

Diese weltweit bemerkenswerte Pionierarbeit konnte nur dank der engen Zusammenarbeit von Wissenschaftlern der Universität Basel, der Entomologischen Gesellschaft Basel, des Naturhistorischen Museums und vom Zoo Basel durchgeführt werden. Durch den Beizug externer Fachleuten konnten weitere Gruppen bearbeitet werden, aber noch lange nicht alle. Bei einigen Tiergruppen konnten die Arten wegen des Fehlens von Fachleuten nicht bestimmt werden. Der Grund dafür ist die veränderte Prioritätensetzung in der Biologie-Ausbildung an den Schweizer und ausländischen Universitäten: Mit wenigen Ausnahmen gibt es kaum mehr eine gründliche Ausbildung in den Fachbereichen Taxonomie und Systematik. Mit Blick auf den weltweiten Schutz der Biodiversität und ihre nachhaltige Nutzung sowie auf die fortschreitende Klimaerwärmung sind biosystematische und taxonomische Kenntnisse aber von entscheidender Bedeutung.

Die effektiv im Zoo Basel vorhandene Artenvielfalt dürfte bedeutend grösser sein als die 3110 nachgewiesenen Arten. Geschätzt wurde, dass mindestens 5500 freilebende Tier- und Pflanzenarten im Basler Zoo beheimatet sind. Dies bedeutet, dass neben den “offiziellen” 618 Zootierarten (Zoo-Artenliste von 31.12.2007) 6–8 mal soviele wildlebende Arten im Zoogelände vorkommen.

Der Zoo Basel ist stolz auf diesen natürlichen Reichtum und möchte durch eine nachhaltige Gartenpflege die wertvollen Lebensräume für Pflanzen und Tiere im Stadtgebiet weiterhin erhalten.

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